Ich freue mich sehr, dass Judith Conrads, Geschäftsführerin des Bundes für Soziale Verteidigung und Vorstandsmitglied TERRE DES FEMMES Münster, über unser gemeinsames Gespräch im Rahmen des seminars “Häusliche Gewalt/Gewalt im sozialen Nahraum” an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster einen Gastbeitrag verfasst hat. In der Überschrift heißt es ganz richtig: “Ein Lehrstück für die Polizei”:
Ehrenmord in Deutschland – die Geschichte einer Betroffenen als Lehrstück für die Polizei
„Ich will mich nicht länger verstecken, sondern für die Frauen sprechen, die keine Stimme mehr haben. Denn ich habe das Glück, noch am Leben zu sein.“ Damit beginnt Aylin Korkmaz das Podiumsgespräch, das sie am Dienstagvormittag gemeinsam mit TERRE DES FEMMES vor polizeilichen Führungskräften in der Polizeihochschule Münster in Hiltrup führt. Als Opfer eines versuchten Ehrenmordes erzählt sie hier ihre Geschichte. Das Publikum besteht aus Teilnehmenden eines Seminars zu Gewalt im sozialen Nahraum (auch als innerfamiliäre Gewalt bekannt) der Polizeihochschule, Thema an diesem Vormittag ist die sogenannte Gewalt im Namen der Ehre … Bei Gewalt im Namen der Ehre handelt es sich um seelische oder körperliche Gewalt, die angewendet wird, um die vermeintlich beschädigte Familienehre wiederherzustellen: In traditionellen, patriarchal geprägten Familien sind Frauen die Trägerinnen dieser Familienehre. Ihr Verhalten sichert oder beschädigt das Ansehen der Familie in der Gemeinschaft. Den männlichen Familienmitgliedern fällt als Familienoberhäuptern die Aufgabe zu, die Einhaltung des Ehrenkodex durch „ihre“ Frauen zu gewährleisten und Verstöße zu ahnden. Freizügige Kleidung, ein fester Freund oder ein eigener Wille der Frau sind nur einige der Auslöser, um die Familienehre in Gefahr zu sehen. Gewaltsame Unterdrückung, im äußersten Falle sogar Mord, scheinen den Verteidigern dieser vermeintlichen Ehre oft der einzige Ausweg, diese wiederherzustellen. Wer könnte eindrücklicher schildern, was es bedeutet, diese Form der Gewalt am eigenen Leib zu erfahren als Aylin Korkmaz? Die 37-Jährige türkischer Herkunft wurde 2007 von ihrem Ex-Mann mit 26 Messerstichen in Gesicht und Körper lebensgefährlich verletzt. Dass sie den Mordversuch überlebte und heute hier sprechen kann, grenzt an ein Wunder. Der Hauptgrund für die Tat: Das verletzte Ehrgefühl ihres Mannes. Eine Frau, die einen eigenen Willen hat, die sich von ihm scheiden lässt und ein eigenständiges Leben führt – das wollte der seit 1978 in Deutschland lebende Türke nicht hinnehmen. „Sie hat nicht gemacht, was ich wollte. Sie ist schuld.“ reicht ihm als Rechtfertigung für seine Tat.
A. Korkmaz, deren Narben im Gesicht stumme, aber nicht zu versteckende Zeugen der Tat sind, musste lernen, mit den Folgen der Tat zu leben. „Die Narben im Gesicht sind nur der sichtbare Teil davon“, sagt sie, „die Narben auf meiner Seele der andere“. Dass anderen Frauen ein solches Leid erspart bleibt, dafür kämpft sie nun, unterstützt von TERRE DES FEMMES. Stark sein – das bedeutet für Aylin Korkmaz, in den Spiegel zu schauen. Das bedeutet, für ihre drei Kinder da zu sein, die das Geschehene nicht vergessen können. Und das bedeutet, in der Öffentlichkeit ihre Geschichte zu erzählen, um anderen Frauen, die in Familie oder Ehe gedemütigt und misshandelt werden, Mut zu machen, sich zur Wehr zu setzen und Hilfe zu suchen. Bevor es zu spät ist. Und um den Frauen eine Stimme zu geben, die nicht mehr sprechen können, weil sie, im Gegensatz zu Aylin Korkmaz, die Mordanschläge ihrer Ehemänner, Väter oder Brüder nicht überlebt haben. Auch darum hat A. Korkmaz ihre Geschichte in einem Buch niedergeschrieben: Ich schrie um mein Leben. Ehrenmord mitten in Deutschland, erschienen 2010 im Fackelträger-Verlag. Weitere Informationen finden sich hier auf dieser Seite.
Eines ist ihr an diesem Vormittag in der Polizeihochschule besonders wichtig: Aylin Korkmaz möchte die Anwesenden für einen behutsamen Umgang mit betroffenen Frauen sensibilisieren. „Für Frauen, die unter Gewalt und Unterdrückung durch Ehemann oder Familie leiden, bedeutet es häufig schon eine große Überwindung, überhaupt Verbindung mit der Polizei aufzunehmen. Fühlt sie sich dort nicht ernstgenommen oder verstanden, zieht sie sich eher wieder zurück.“ Einfühlsamkeit und Verständnis, ja bereits ein kleines Lächeln hingegen könnten Betroffene darin bestärken, Unterstützung gegen die Gewalt in Anspruch zu nehmen und ihre Rechte einzufordern. 13 Jahre Haft lautete das Urteil für A. Korkmaz´ Ehemann Mehmet. Strafmildernd wirkte dabei der Umstand, dass die gesundheitlichen Folgen der Tat für A. Korkmaz geringer ausgefallen seien als anzunehmen. Auch der kulturelle Hintergrund des Täters wurde berücksichtigt. Als ob das nicht Hohn genug für das Opfer wäre – Dass der Täter nun bereits im Jahre 2014 in die Türkei abgeschoben werden soll, wo er ein freier Mann sein wird, macht nicht nur A. Korkmaz und ihren Kindern zu schaffen. TERRE DES FEMMES setzt sich in einer Unterschriftensammlung dafür ein, dass M. Korkmaz seine gesamte Haftstrafe in Deutschland absitzen muss, auch um keine falschen und verharmlosenden Signale zu senden. Nähere Informationen finden sich unter www.frauenrechte.de.
Frau Korkmaz kämpft weiter für ihre Freiheit und die anderer Frauen: „Ich weiß, wie man stirbt. Ich habe keine Angst mehr.“