Der Fall
»Ich sah nur seine Augen. Die Messer sah ich nicht … an das Weitere kann ich mich nicht erinnern.« Das Weitere ist ein massiver Mordanschlag im Namen der Ehre, Tatort Baden-Baden, Deutschland. Aylin Korkmaz, Mitte 30, Mutter dreier Kinder, wird an ihrer Arbeitsstelle von ihrem geschiedenen Mann mit 26 Messerstichen in Gesicht und Körper niedergestreckt. Sie verliert so viel Blut, dass die Ärzte es für ein Wunder halten, als sie aus dem Koma erwacht. Allein ihr Gesicht muss mit 230 Stichen genäht werden, die Narben erinnern sie bei jedem Blick in den Spiegel an den Mann, den sie am liebsten vergessen würde.
Aylin wird 1972 in der viertgrößten Stadt der Türkei, in Adana, geboren. Als sie sechs Jahre alt ist, stirbt ihr Vater, ein Erlebnis, das sie nur schwer verkraftet. Sie schwört sich, dass ihre eigenen Kinder nie ohne Vater aufwachsen sollen. Ihre Jugend in der türkischen Großstadt verläuft nach modernen Maßstäben, sie besucht das Gymnasium, macht Abitur und plant Jura zu studieren. Doch das ist selbst ihrer Mutter zuviel und zusammen mit der Verwandtschaft drängt sie Aylin in eine arrangierte Ehe. Mitsprachrecht dabei hat sie nicht. Als 18-Jährige mit dem Kurden Mehmet Korkmaz zwangsverheiratet, geht Aylin mit ihm nach Deutschland und bekommt rasch hintereinander drei Kinder. Nach der dritten Geburt wird die Situation daheim unerträglich. Aylin Korkmaz muss jahrelang die gewalttätigen Übergriffe und Demütigungen ihres Mannes ertragen, er geht mit einer Axt auf sie los, schlägt sie in aller Öffentlichkeit bewusstlos. Anzeigen bei der Polizei zieht sie aus Angst immer wieder zurück. Als selbst die von ihr 2003 eingereichte Scheidung nicht die erhoffte Trennung von ihrem Mann bewirkt, trifft die junge Türkin im Juni 2007 eine mutige Entscheidung: Sie informiert die Polizei über die fortgesetzte Gewalttätigkeit ihres Mannes und die Behörden sprechen eine Wegweisung nach dem Gewaltschutzgesetz aus, d.h. ihr Exmann muss ausziehen. Der Kurde, der sich durch seine moderne Frau seit jeher erniedrigt fühlte, sieht sich in seiner Ehre verletzt. Auf seine Morddrohungen reagieren die Behörden noch mit einem Näherungsverbot, doch der 49-Jährige lässt sich nichts mehr vorschreiben: Am 21. November 2007 geht er an der gemeinsamen Arbeitsstelle, einer Autobahnraststätte in Baden-Baden, mit einem Messer auf seine Exfrau los und sticht 26-mal auf sie ein. Aylin Korkmaz überlebt den Anschlag schwerst verletzt; ihr Exmann ist im August 2008 wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt worden.
Physisch wie auch psychisch hat Mehmet Korkmaz der heute 37-Jährigen Narben zugefügt, die sie für immer an ihr Martyrium erinnern werden. Die türkische Gemeinschaft in Baden-Baden gibt ihr, der Frau, die Schuld an dem Mordversuch ihres Exmannes. Mehmet Korkmaz droht aus dem Gefängnis heraus, dass er seine Tat vollenden werde, sobald er wieder frei ist. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Gewaltopfern lässt sich Aylin Korkmaz heute nicht mehr durch Angst erpressen. Couragiert und unterstützt von der gemeinnützigen Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« wendet sie sich offensiv an die Öffentlichkeit und spricht über ihren Lebens- und Leidensweg mit Reportern, im Fernsehen und auf Veranstaltungen der Volkshochschulen. Aylin Korkmaz will sowohl den Opfern als auch den Überlebenden eines Ehrenmord-Anschlags eine Stimme geben. Sie engagiert sich für (zwangsverheiratete) Frauen, die in ihren Ehen gedemütigt und misshandelt werden, und will diese ermutigen, gemeinsam eine Perspektive zu ihrer scheinbar ausweglosen Situation zu finden. In diesem Buch erzählt sie ihre aufwühlende und beeindruckende Geschichte und gibt damit vielen verfolgten und unterdrückten Frauen eine öffentliche Stimme. Ebenso offen und kritisch berichtet Aylin Korkmaz vom Umgang deutscher Behörden mit ausländischen Opfern, von Hilfestellung und Unterstützung, von Ausgrenzung und Isolation. Das Buch gibt erschreckende Einblicke in eine Parallelwelt mitten in unserer Gesellschaft, die nur zu gern ignoriert wird.
